Blicken wir noch einmal einen Moment zurück in die Zeit der Gründung des Vereins. Die Chronik berichtet, dass 24 junge Männer auf Anregung von Friedrich Brothage aus Klein-Freden, damals noch ein eigenständiger Ortsteil, bei Gastwirt Heipke beschlossen den Männer-Turnverein Klein-Freden zu gründen. Das Gründungsprotokoll ist noch im Orginal erhalten und kann eingesehen werden.
Die Gründungsväter folgten damit den damaligen Bestrebungen die – männliche – Jugend körperlich zu ertüchtigen. Friedrich Ludwig Jahn entwickelte zur Jahrhundertwende aus seinen Programmen der Volkserziehung das Konzept des Deutschen Turnens. Obwohl Jahn die Ertüchtigung des gesamten Volkes auf seine Fahnen geschrieben hatte, blieben die Turnplätze den Mädchen und Frauen verschlossen.
Dieser Ausschluss wurde als völlig natürlich empfunden und nicht weiter erwähnt. Turnen versprach Wehrhaftigkeit, Härte und Männlichkeit und bot sich als Mittel der Abhärtung und Ablenkung. Erklärbar ist der Ausschluss von Frauen an sportlichen Aktivitäten vor allem durch die damals vorherrschenden Weiblichkeitsideale und Ideologien, als die vermeintlich „natürliche Bestimmung“ der Frau.
Die Gegner des Mädchenturnens von Behörden über die katholische Kirche bis hin zu Ärzten und Pädagogen äußerten neben Sittlichkeitsnormen aber auch vor allem medizinische Bedenken. Sie behaupteten, der Sport entwickele „straffe Fasern“ und behindere Frauen in ihrer natürlichen Funktion. Damit war in erster Linie die Gebärfähigkeit gemeint.
Glücklicherweise gab es aber auch Befürworter, wie die Berliner Medizinische Gesellschaft, die schon 1863 in einem Gutachten schrieb, dass Muskel- und Nervenschwächen, Bleichsucht, nervöse Leiden und Rückenverkrümmungen als häufige Erkrankungen der Mädchen mit dem Turnen ein wesentliches Mittel zur Abhilfe gegeben sei.
Bei allen damaligen Experten, sowohl bei den Befürwortern als auch bei den Gegnern, handelte es sich ausschließlich um Männer, Frauen standen die medizinischen Berufzweige zur damaligen Zeit überhaupt nicht offen. Denn auch dort wurde versucht die Frauen mit medizinischen Argumenten u.a. mit dem Hinweis auf monatliche Unpässlichkeiten und die potenzielle Schwangerschaft aus den akademischen Berufen fernzuhalten.
Ein leichter Gesinnungswandel trat erst durch die Modernisierungsprozesse zum Ende des Jahrhunderts durch die technischen Entwicklungen, vom Telefon bis zum Automobil und die Erkenntnisse in der Medizin, wie die Entdeckung der Zelle und die Bakteriologie ein.
Dadurch begann ein Prozess der Körperaufwertung. Starre Haltungs- und Bewegungsnormen waren überholt, auch im Protest gegen bürgerliche Steifheit und Korrektheit entwickelten sich neue Bewegungsaktivitäten, wie z.B. das Wandern. Als weibliche Domäne entstand dabei die Tanz- und Gymnastikbewegung.
In der Fortschrittseuphorie dieser Zeit verbreitete sich die Utopie der Planbarkeit und Machbarkeit von Gesundheit. Der 1891 gegründete Zentralausschuss für Volks- und Jugendspiele propagierte Leibesübungen an frischer Luft, vor allem Spiele, denen eine positive Auswirkung auf die Gesundheit, insbesondere eine Stärkung der Muskeln und Organe zugeschrieben wurde. Der hier zur Ansicht ausliegende Leitfaden für den Turnunterricht in den Preußischen Volksschulen aus dem Jahr 1895 verdeutlicht dies auf eindrucksvolle Weise.
Während Gesundheit für die männliche Jugend mit der Wehrhaftigkeit gleichgesetzt wurde, bedeutete sie für Mädchen und Frauen Gebärfähigkeit, da „Starke ... nur von Starken geboren werden“.
Die veränderten gesellschaftlichen Anforderungen an Frauen und auch ihr wachsendes Selbstbewusstsein steigerten auch ihr Interesse an körperlicher Ertüchtigung. Obwohl sich die Turnerbewegung nach wie vor als Männerbund verstand, ließen sich die Frauen nun nicht mehr auf das Besticken von Fahnen, das Bekränzen der Sieger und die dekorative Teilnahme an Festlichkeiten beschränken.
Immer mehr Frauen beteiligten sich am Turnen. Dafür traten sie in die Frauenabteilungen in einem Männerturnverein ein oder gründeten, wenn die Widerstände zu groß waren eigene Vereine.
Die Frauen hatten aber trotzdem allgemein im Turnen und im Sport weiterhin vielfältige Vorurteile und Widerstände zu überwinden: Man(n) diffamierte sie als Emanzen, zweifelte an ihrer Anständigkeit und äußerte nach wie vor psychologische und besonders medi-zinische Bedenken. Als besonders anstößig und gefährlich galt ihre Teilnahme an Wettkämpfen. Einige wenige Wagemutige versuchten sich trotz dieser Widerstände sogar im Skispringen, im Eishockey und im Flugsport.
Nach dem ersten Weltkrieg sollten Turnen und Sport den Wiederaufstieg Deutschlands unterstützen und nach der Abschaffung der allgemeinen Wehrpflicht die Funktion einer „Schule für die Nation“ übernehmen. Infolge des Krieges und der gesellschaftlichen Veränderungen hatten in dieser Zeit die bisher gültigen Normen und Werte an Bedeutung verloren. Eine Befreiung des Körpers, vor allem der Frauen ermöglichte auch die Mode. Lange Röcke, fischbeingestütze Korsetts und kunstvoll drapiertes Haar war out. Sport und Weiblichkeit standen nun nicht mehr so sehr in unlösbarem Widerspruch.
Diesem Zeitgeist folgend wurde auch im MTV Klein-Freden am 1. August 1920 eine Frauenabteilung gegründet, die auf dem 40. Stiftungsfest 1926 unter der Leitung von Martin Traupe bereits in einer beachtlichen Stärke an die Öffentlichkeit trat.
Trotzdem stießen die Frauen in zahlreichen Sportarten, vor allem bei Wettkämpfen immer noch auf unüberwindbar scheinende Widerstände, die mit Sorge um die Gesundheit des schwachen Geschlechts begründet wurden. Auch jetzt konzentrierten sich die Medi-ziner mit der Aussage „Bei der erwachsenen Frau müssen alle sportlichen Übungen vom Standpunkt der Fortpflanzung betrachtet werden“ auf die Gebärfähigkeit.
Hugo Sellheim, Direktor der Universitätsfrauenklinik in Leipzig warnte sogar: „Durch zuviel Sport nach männlichem Muster wird der Frauenkörper vermännlicht ... die weiblichen Unterleibsorgane verwelken und das künstlich gezüchtete Mannweib ist fertig. Solche und ähnliche Aussagen über den Frauensport basieren nicht etwa auf gesicherten medizinischen Erkenntnissen, sondern spiegeln das vorherrschende Frauenbild der damaligen Zeit wieder.
Erst Ende der zwanziger Jahre wurden die Auswirkungen sportlicher Aktivitäten auf den weiblichen Körper systematisch untersucht – und zwar von Ärztinnen! beim Turntag in Berlin wurde 1926 mit Els Schröder sogar die erste Frauenwartin, also so etwas wie eine Frauenbeauftragte für den Sport gewählt, und zwar in einer Kampfkandidatur gegen einen Mann. Damals kam dieser Vorgang einer Palastrevolution gleich.
Trotz aller Bedenken, Warnungen und Hindernisse erkämpften sich die Frauen in der Weimarer Republik entgültig den Zugang zu Wettkampfspielen und sogar zu den olympischen Spielen. Dabei blieben sie im Leistungssport lange Zeit eine Minderheit, stellten allerdings in der Gymnastik die überwiegende Mehrheit. Dieses Verhältnis hat auch heute in unserem Verein noch seine Gültigkeit. Fast ein Drittel aller Mitglieder der Turngemeinschaft sind in der weiblichen Gymnastik aktiv.
Die Faszination der Gymnastik lag in den Anfängen der Frauenturnbewegung nicht zu-letzt darin, dass sie problemlos mit dem herrschenden Frauenbild in Einklang gebracht werden konnte.
Im Nationalsozialismus wurden dann Sport und Gesundheit neu definiert und im Konzept der rassisch begründeten Volksgesundheit aufeinander bezogen. Wie alle Lebensbereiche suchten die Nationalsozialisten auch die Leibesübungen in den Dienst ihrer Ideologie zu stellen und zur Schaffung – im nationalsozialistischen Sinn – gesunder Menschen zu nutzen.
Das Regime entwickelte ein Frauenbild, dass sich auf weibliche Tugenden wie Mutterschaft und Opferbereitschaft konzentrierte. Hitler hielt die Frauenemanzipation ohnehin für eine Ausgeburt jüdischen Intellekts. Der bewusst gewollte Männerstaat, der nach dem Führerprinzip organisiert war brauchte Frauen in erster Linie wegen ihrer biologischen Funktion.
Da Frauen als Trägerinnen der Erbgesundheit und des Rassenerhaltes galten, spielte die körperliche Ertüchtigung und die arteigene Leibeserziehung des weiblichen Geschlechts in den Erziehungs- und Umerziehungsprogrammen der Nationalsozialisten eine besonders wichtige Rolle.
Nach dem Ende des 3. Reiches suchten hier in Freden junge Frauen einen Verein, der ihnen eine Möglichkeit gab, das Handballspiel auszuüben. Auf Initiative von Elisabeth Raabe und Gisela Eilers, heute Jentzsch, schlossen sich im Sommer 1946 einige sport-begeisterte Mädchen und Frauen als Handballmannschaft dem damaligen Turnverein an. Ich möchte Sie liebe Frau Jentzsch hiermit recht herzlich in unserer Mitte begrüßen.
Das Training auf den Leinewiesen leitete Rudi Schrenke. Bereits am 20. Oktober 1946 brachte das erste Freundschaftsspiel gegen die Damen aus Delligsen einen Auftaktsieg mit 4 : 3 Toren. Die als Rothosen bekannt gewordene Mannschaft erspielte sich in den folgenden Jahren viele Siege und Meisterschaften.
Auch nach dem zweiten Weltkrieg blieben Gesellschaft, Gesundheit, Geschlechterord-nung und Bewegungskultur eng miteinander verflochten. Um das turnerische Ideengut und Gedankengut richtig entfalten zu können, d.h. im Jahn`schen Sinne richtigen lenken und leiten zu können wurde am 21. Mai 1949 in diesen Saal mit Genehmigung der Militärregierung die Turngemeinschaft als Nachfolger des Turnvereins in Freden neu gegründet. Unter dem Vorsitz von Carl Stolze wird der Verein von einem vornehmlich mit männlichen Personen besetzter Vorstand geführt. Aber mit Hilde Kreikemeier gehörte auch schon eine Frauenwartin dem geschäftsführenden Vorstand an. Im erweiterten Vorstand waren mit Grete Deintje als 2. Frauenturnwartin sowie der heute hier anwesen-den Marianne Plessner als Jugendturnwartin weitere Turnerinnen vertreten. Wenn auch nur ein ganz geringer Prozentsatz, so waren doch damit schon im ersten Vorstand der Turngemeinschaft Turnerinnen mit Sitz und Stimme vertreten.
Die erwähnten Handballerinnen fanden durch die Neugründung zunächst beim am 3. Februar 1946 gegründeten SV Freden eine Bleibe bis sie sich Ende der fünfziger Jahre wieder der TG anschlossen.
In den Nachkriegsjahren wandelte sich nun das Bild der Frauen, die „Neue Frau“ wurde in Filmen und in Illustrierten idealisiert. Sie war schlank und langbeinig, erfolgreich in der Liebe, der Familie und manchmal auch im Beruf – und sie trieb Sport. Sportlichkeit, Gesundheit und Sonnenbräune signalisierten Modernität und Prestige. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert.
Immer neue Fitnesstrends und das gängige Frauenbild in den Medien haben besonders in den letzten Jahren für einen starken Zulauf der kommerziellen Fitness-Studios gesorgt. Anfangs wurde von Einigen dadurch ein Ausbluten der Vereine befürchtet. Dies hat sich zum Glück nicht bestätigt. Ist es doch den Vereinen gelungen attraktive, kostengünstige Angebote und Kurse im Gesundheitssport zu installieren und damit dem Bedürfnis ihrer Mitglieder nach Veränderung gerecht zu werden.
Gerade Frauen nutzen diese neuen Angebote gern. Ihr Anteil ist im Landessportbund Niedersachsen stetig gestiegen, betrug er 1950 noch 27% der Gesamtmitglieder, so waren es im Jahr 2000 bereits 42,41%. Dieser Trend setzt sich fort und zeigt sich auch in unserem Verein.
Heute gehören der Turngemeinschaft 257 männliche und 410 weibliche Mitglieder an, damit hat der Anteil der weiblichen Mitglieder aktuell 61,46% erreicht. Wer hätte das wohl vor 120 Jahren gedacht?!
Zwar ist der Anteil der Frauen in den Vereinen stetig gestiegen, dagegen waren sie in den Führungsgremien der Sportorganisationen unterrepräsentiert und sind es auch weiterhin. Deshalb hat der Hauptausschuss im LSB Niedersachsen bereits im Jahr 1989 den bundesweit ersten Frauenförderplan für einen Landessportbund verabschiedet. Zugrunde lag die Erkenntnis, dass die Frauenförderung wie in allen anderen gesell-schaftlichen Bereichen auch im Sport fortgesetzt werden muss, denn eines ist klar:
„Eine lebendige Sportorganisation braucht Frauen und Männer, Kinder und Jugendliche gleichermaßen als Aktive wie auch als ehrenamtliche Funktionsträgerinnen und Funktionsträger.“
In der Turngemeinschaft ist der Vorstand zu gleichen Teilen mit Turnerinnen und Turnern besetzt. Ich meine, darauf kann der Verein stolz sein.
Ich wünsche dem Vorstand für die Zukunft eine glückliche Hand. Insbesondere der Turngemeinschaft aber immer genügend Männer und Frauen, die in ehrenamtlicher Funktion bereit sind Verantwortung für die Gemeinschaft zu tragen. Nur mit diesem Engagement sind die sportlichen Ziele und entsprechende Erfolge zu erreichen.
Ich rufe somit alle auf, bewegen wir gemeinsam die Turngemeinschaft, bewegen wir Freden – in die Zukunft.
Auszug aus dem Festvortrag vom 3. September 2006 von Petra Hartung


